Generation Tochter

Wie die Film- und Fernsehwelt toxische Männer romantisiert

Kaum eine Teenie-Romanze ließ die Herzen der Zuschauerinnen in den vergangenen zwanzig Jahren höher schlagen als die „Twilight”-Saga. Der Protagonist Edward Cullen galt zum Zeitpunkt der Ausstrahlung als ultimativer Traummann – dabei verhält er sich bei genauerer Betrachtung extrem problematisch. Denn nicht nur ist er ein über hundertjähriger Vampir, der sich in einer Beziehung mit einer Minderjährigen befindet. Auch verfolgt er Bella überallhin, isoliert sie von Familie und Freund*innen und kann nicht mit ihr schlafen, ohne sie dabei umbringen zu wollen.

Und nicht nur Edward Cullen, sondern auch Chuck Bass aus „Gossip Girl”, Big aus „Sex And The City” und Barney Stinson aus „How I Met Your Mother” zeigen: Die Film- und Fernsehwelt ist voll von toxischen Männern, die zu unwiderstehlichen Frauenhelden glorifiziert werden, deren Herzen es zu erobern gilt. Ihre Bindungsunfähigkeit und ihr teils an psychische und  körperliche Gewalt grenzendes Verhalten werden zwar thematisiert, jedoch ist es in erster Linie die Aufgabe der Protagonistinnen, die Männer zu „heilen”, um das Happy End zu bekommen, das in westlicher Popkultur dann als „Relationship Goals” betitelt wird.

An die Spitze getrieben wird das Ganze von der Netflix-Serie „13 Reasons Why”, die den Zuschauer*innen in der dritten Staffel das Bild vermittelt, der sexuell übergriffige Gewalttäter Bryce würde vor allem wegen der neu gefundenen Liebe zu einem „besonderen Mädchen” die Bereitschaft zur Besserung entwickeln. Und genau hier liegt das Problem: Das Narrativ vom „Bad Boy”, der einer Frau zuliebe zum „Good Boy” wird, ist nicht romantisch, sondern realitätsfern. Es gibt Gründe, warum Menschen Angst vor Bindung haben, sich psychisch und körperlich übergriffig verhalten oder gewalttätig werden – und die lassen sich im Normalfall nicht durch bedingungslose Liebe aus der Welt schaffen. Die Film- und Fernsehwelt jedoch suggeriert Mädchen und Frauen nicht nur, dass sie toxische Männer im Alleingang heilen können. Sie vermittelt ihnen auch, dass sie Respekt und Anerkennung in einer Beziehung nicht per se verdient haben, sondern sich diese erarbeiten müssen. 

Auch aus der Branche gibt es Kritik an der verbreiteten Glorifizierung toxischer Protagonisten. So thematisierte der Schauspieler Penn Badgley, der in der Netflix-Serie „You” den Stalker und Mörder Joe spielt, dass Weißen Männern in Film und Fernsehen jedes noch so problematische Verhalten verziehen wird: „If anyone other than a young white man were to behave like these characters behave, nobody’s having it.”1 Natürlich ist es trotzdem wichtig, toxische Männlichkeit und die dazugehörigen Verhaltensweisen aufzuzeigen, solange sie Teil unseres Alltags sind. Doch neuere Produktionen wie „Euphoria” und „I May Destroy You” zeigen: Das geht auch auf reflektierte Weise, ohne problematisches Verhalten zu romantisieren.

1 https://www.nytimes.com/2019/01/24/arts/television/penn-badgley-you-netflix.html

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