Generation Tochter

Odyssee Filmförderung

Es wird Zeit, über ein unangenehmes Thema zu sprechen: Filmförderung. Ein Thema, mit dem sich viele junge Filmschaffende früher oder später konfrontieren müssen. Ein Thema, das frustriert, demotiviert und resignieren lässt. Vor allem aber ein Thema, das selten öffentlich debattiert wird. Danke Jan Böhmermann für den Anstoß! Lasst uns also über Filmförderungen sprechen! Wir beginnen mit dem kollektiven Leidensweg von GENERATION TOCHTER.

Filmförderung? Vergiss es! Diese Worte folgten, als wir die Finanzierungsmöglichkeiten von GENERATION TOCHTER evaluierten. Es ist schon traurig, wenn sich eine junge Gruppe diverser Filmschaffender zusammenschließt und sich gegenseitig von den Schwierigkeiten und Hindernissen in der Förderlandschaft berichtet bzw. sogar davon abrät. Ich war lange so naiv zu glauben, dass Filmförderungen dazu gedacht sind, Projekte zu unterstützen, die es aus eigenen Mitteln nicht schaffen. Ich dachte, es werden vor allem innovative, kreative Filmideen finanziert, um die Filmkultur in Deutschland, naja, zu fördern oder wiederzubeleben.

Allein die Recherche einer passenden Förderung ist ein immenser Kraftakt. Undurchsichtigkeit und veraltete Daten prägen verhältnismäßig viele Websites der offiziellen Förderstellen. Hinzu kommt ein Wust an Regularien. Neben latenter Verwirrung blieb zumindest bei uns die Erkenntnis, dass es sich um ein komplizierteres Unterfangen handeln wird als ursprünglich angenommen.

Förderung für bewährte Kassenschlager – jawohl.

Förderungen für bereits bekannte Filmemacher*innen – kein Problem.

Förderungen für Uniprojekte – wenn eine renommierte Hochschule dahintersteckt, vielleicht. Förderungen für ein neu gegründetes, feministisches Filmkollektiv – ganz schwierig!

Kurz gesagt: Keine professionelle Produktion? Keine dahinterstehende Filmhochschule? Kein Eigenkapital? Keine 08/15 Story? Keine Chance!

Als No-Name oder Newcomer finanziert zu werden, ist anscheinend ein Ding der Unmöglichkeit. Erst mit einer gewissen Reichweite und den richtigen Leuten und Organisationen an der Hand wird dem Pitch am Telefon vielleicht etwas mehr Beachtung geschenkt. Das Abschreckungsmanöver hat bei uns jedenfalls funktioniert. Wir setzten für die erste Finanzierungsphase auf einen unabhängigeren Weg: Crowdfunding und Kooperationen. Wir hatten auf diese Weise zwar weniger Budget zur Verfügung und einen größeren Aufwand, aber dafür einen erfolgreichen Dreh, wie wir wissen. 

Nach dem ersten Drehblock hatten wir also den Beweis, dass unser kollektives Experiment nicht nur innovativ, sondern auch äußerst produktiv ist. Ein Anruf bei einer Förderung fühlte sich nicht mehr so abwegig an.

Obwohl wir eine Förderung für den zweiten/dritten Block unseres Films anfragten, war das häufigste Ausschlusskriterium der bereits abgeschlossene erste Drehblock. Aufbau, Konzept und Philosophie unseres Projekts und Kollektivs waren hierbei komplett irrelevant. Bei den meisten Filmförderungen wurden wir somit schon im Vorfeld abgelehnt. Schließlich würden wir mit einem angefangenen Dreh suggerieren, dass wir den Film auch ohne finanzielle Unterstützung fertigstellen könnten. Auf der anderen Seite wird eben dies gefordert – die Gewährleistung einer Vollendung des Projekts. So wird bei Antragstellung ein Finanzierungsplan mit einer Auflistung potentieller Förderungen eingereicht. Springt eine Finanzierungsquelle ab, läuft man paradoxerweise Gefahr, auch von den anderen Geldgeber*innen nicht weiter unterstützt zu werden. Wie soll man auf diese Weise als unabhängiges, überwiegend studentisches Filmkollektiv, angewiesen auf Crowdfundings – unserem Eigenkapital – einen Film planen?

Nach Rückfragen, an wen man sich sonst wenden könne, wurden das Kultusministerium und Stiftungen genannt. Für den Fördertopf des Kultusministeriums waren wir zu klein. Für die meisten Stiftungen waren wir zu groß. Ebenso verhielt es sich mit Kulturförderungen. Für Filmförderungen war unser Produktionskonzept zu experimentell. Für Kulturförderungen wiederum zu filmisch.

Alternativ wurden uns Regionalförderungen nahegelegt. GENERATION TOCHTER (AT) spielt diegetisch größtenteils in Neukölln. Gedreht haben wir den ersten Drehblock komplett in Steglitz und den zweiten in Neukölln, Steglitz und Mecklenburg-Vorpommern.

Dem Bezirksamt Steglitz waren wir jedoch nicht regional genug. Die Fördersumme wurde lieber einem bereits geförderten Bootsverein gegeben. Herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle.

Das Bezirksamt Neukölln war so organisiert, dass es unseren Antrag samt persönlicher Daten auf einem USB-Stick in der U-Bahn verlegt hat. Keinerlei Unterstützung, dafür dubiose SMS in regelmäßigen Abständen.

Gut, also ein erneutes Crowdfunding und weitere Kooperationen. Viele Stunden am Telefon und vor dem Laptop. Es ist erfreulich, wie viele Großkonzerne oder wirtschaftlich starke Unternehmen Gleichberechtigung, Diversität und Nachhaltigkeit auf ihre Fahnen schreiben.  In ihren Presseartikeln werden die originellsten Förderprojekte aufgelistet, um sich als offenes, soziales, faires Unternehmen zu brüsten – mit uns zusammenarbeiten wollte jedoch keines von ihnen. Startups oder kleinere Unternehmen sind davon ausgenommen. Unsere Liste an Partnerschaften und Unterstützer*innen ist mittlerweile lang! Sehr viele waren gewillt uns zu unterstützen, obwohl sie selber gerade finanziell am Kämpfen sind.

Das Fazit der Geschichte: Unsäglich viele Telefonate und Mails, zusätzliche Kosten ausgedruckter Förderanträge, Datenverlust in Neukölln, 20 graue Haare mehr, Unverständnis gegenüber deutscher Förderkriterien und ein steigendes Ungerechtigkeitsgefühl. Und was hat es gebracht? Eine einzige Förderung hat uns – Regularien hin oder her – ihr Vertrauen geschenkt. Die MV Filmförderung hat das Engagement und Potential von GENERATION TOCHTER erkannt. Somit hat uns eine Förderung gezeigt, dass es durchaus möglich ist, außergewöhnliche Projekte wie unseres anteilig zu unterstützen. Das macht nicht nur uns glücklich, sondern gibt auch anderen jungen Filmschaffenden Hoffnung. Die Fördersumme muss zwar zu 100% in Mecklenburg-Vorpommern ausgegeben werden, aber neue Herausforderungen sind wir ja mittlerweile gewohnt.

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